Wenn man an einem Ort aufwächst, an dem andere Urlaub machen, wird man sich diesem Glück meist erst bewusst, wenn man selbst den Ort verlässt und wegzieht. Ich bin in Ostfriesland groß geworden, einer kleinen Region im Norden Deutschlands, direkt an der holländischen Grenze. Ein flaches Land, umgeben von Wasser und dem Rest Deutschlands. Keine Berge, keine vierspurigen Autobahnen. Landstraßen mit tiefen Schlaglöchern prägen das Straßenbild (gut, mittlerweile auch nicht mehr, aber früher hatte ich eindeutig das Gefühl, dass viel zu viele Schlaglöcher da waren). Samstags wandern Scharen von „Boßlern“ über die Landstraßen und werfen eine Kugel über die Straße, um zu gucken wie weit sie kommen. Ich habe den Sinn dieses Spiels namens Boßeln erst letztens auf Wikipedia  nachgelesen und total verwundert. Den Inhalt des Spiels war mir unbekannt – plötzlich fühlte ich mich gar nicht wie eine „echte“ Ostfriesin, die bei all dem Spaß mitgewirkt hat, sondern wie eine fremde Einheimische, die vielleicht immer mehr Fremdkörper war als Teil des großen Ganzen. Ob es stimmt? Ich kann die Frage nicht beantworten: Ich bin eine Ostfriesin, ich spreche Plattdeutsch (wenn ich möchte), ich trinke liebend gerne Ostfriesentee und bin doch von den ostfriesischen Gewohnheiten etwas genervt. So, what?

Die Reise in die alte Heimat: Zwischen Gewohnheit und Herausforderung

1526369_900945919923832_2041904328763049601_nSeitdem ich zum Studieren nach Hessen gezogen bin, schaffe ich es nur noch ein paar Mal im Jahr in meine Heimat zu reisen. Mit Freund und Kegel fahren wir mit unserem Reisemobil Berly quer durch Deutschland, um gute fünf Stunden später anzukommen. Wir lieben Ostfriesland. Es ist sehr entspannend dort, das Meer in greifbarer Nähe und die Menschen, das Leben viel gechillter und langsamer. Ja, fast schon wie in Schottland.

Normalerweise schaffen wir es nie, Ostfriesland zu entdecken. Wir haben so viel mit Familie und Wiedersehensfreude zu tun, dass wir in unserem Auto nur die Stellen abfahren, die wir kennen. Und doch nehmen wir uns jedes Mal wieder vor, ein neues Stück Ostfriesland zu entdecken. Als wir zum Jahresende 2014 nach Ostfriesland gefahren sind, sprachen wir davon, öfter ans Meer zu fahren. Und gleich am zweiten Weihnachtsfeiertag packten wir die Gelegenheit am Schopf. Wir fuhren eine Straße entlang, die ich trotz meiner 19 jährigen Lebenszeit in Ostfriesland selbst noch nie gefahren waren, bogen in Straßen ein, die wir nicht kannten und fanden den Pilsumer Leuchtturm. Okay, wir wussten, dass er dort ist, nur haben wir ihn eben „aus eigener Kraft“ heraus gefunden.

Auch „Otto-Leuchtturm“ genannt, ist der Pilsumer Leuchtturm ein Wahrzeichen Ostfrieslands. Sicherlich habt ihr den Turm mit seinen rot-gelben Streifen auch schon mal gesehen. Wir jedenfalls staunten nicht schlecht, als wir ihn endlich in der Ferne sahen. Das Problem nur: Die Auffahrt zum Pilsumer Leuchtturm hatte ich verpasst, weil das Hinweisschild so versteckt an der Straße stand, dass man es nur übersehen konnte. Kurz entschlossen und mit der Überzeugung, dass mehrere Wege nach Rom führten und somit auch zum Leuchtturm, bogen wir schließlich in die nächste Straße ein und fuhren einen Weg entlang, der in hätte schottisch sein können. Einspurig, viele Schlaglöcher. Der einzige Unterschied: Es gab keine Passing-Places und, wenn uns jemand entgegengekommen wäre, ja, ich glaube, wir hätten ein Problem gehabt.

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Wunderschönes Ostfriesland

10881604_900972713254486_4127990665787015799_nWas uns am Ende dieser Straße erwartete, war einfach nur traumhaft: Eine Reihe von Parkplätzen, auf denen wir im Sommer gerne mal mit Blick aufs Meer in unserem Auto übernachten würden. Es waren nicht viele Menschen hier, im Sommer wird es hier wohl von Touristen überschwemmt sein und weil gerade so schön die Sonne schien, überlegten wir uns, ein bisschen spazieren zu gehen. Schnell bogen wir auf einen Weg ab, der uns abseits der Menschenmassen führte und sich in Richtung Meer schlängelte. Wir passierten ein Schild, auf dem Stand, dass dieser Weg bitte nicht bei Brutzeiten benutzt werden soll. Wir hatten kurz nach Weihnachten und waren uns sicher, dass zu dieser Zeit keine Vögel brüten würden. Also gingen wir immer weiter, parallel zum Meer und zum Pilsumer Leuchtturm.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem unser Weg nicht mehr als Weg ausgeschildert war. Natürlich, wir kennen das aus anderen Ländern, wenn aus den normalen Spaziergängen kleine Wanderungen werden, aber dass mir dies in Ostfriesland passiert, hätte ich niemals gedacht. Die vorher noch so schön in Reih und Glied gepflasterten Steine waren jetzt wie ein bunter Haufen Dominosteine, auf dem wir balancierten. Links und rechts stand das Wasser und der Boden, den wir sahen, war eher Matsch. Unser Jeanshosen sahen aus wie nach einer Wanderung durchs schottische Moor und unsere Schuhe – Gott bewahre mich, ich hatte uns jedem nur ein paar Schuhe für Ostfriesland eingepackt – sahen aus wie nach einer Wattwanderung. Über zwei Stunden quälten wir uns durch das quasi weglose Gelände, bis wir schließlich auf einen der Radwege kamen, der direkt am Pilsumer Leuchtturm vorbeiführte. Wir gingen also den Weg, am Ende dann direkt auf dem Deich entlang, zurück und begutachteten das Meer von oben. Mittlerweile zogen dichte Wolken und Nebelschwaden auf. Ein Hubschrauber kam von der nicht mehr zu erkennenden Insel Borkum angeflogen. Erst als er wenige Meter über uns schwebte, konnten wir ihn für einen Moment entdecken. Doch er war genauso schnell wieder verschwunden.

10526106_900939936591097_8485605815009566149_nUnd dann sahen wir ihn: Den Pilsumer Leuchtturm in seiner ganzen Größe und Schönheit. Ich hasste mich in diesem Moment dafür, in meiner Jugend nicht mehr in Ostfriesland rumgekommen zu sein und ein solches Wahrzeichen unserer Landschaft erst mit knapp 25 Jahren entdeckt zu haben. Dafür war der Moment, das Wahrzeichen Ostfrieslands gemeinsam mit meinem Verlobten zu entdecken, wundervoll. Ich genoss es und konnte es wirklich kaum glauben … Wir hatten ein Stück Ostfriesland entdeckt und werden mit Sicherheit nochmal hierher zurückkehren.

 

Written by Hilke-GesaBussmann

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